Lebende Anziehpuppen: Kindermode bzw. Mode für Erwachsene in Kindergröße

Zu meinen Lieblingsbeschäftigungen nach einer langen Partynacht gehört es, am Wochenende ganz entspannt die Wochenendzeitung zu lesen. Unter der Woche finde ich dafür berufsbedingt leider nur wenig Zeit, weshalb ich meine Zeitung am Wochenende daher regelrecht verschlinge. In Deutschland greife ich dabei vorzugsweise zur Süddeutschen, die ich vor allem wegen ihrer ausgeprägten Kulturberichterstattung schätze. In der Wochenendbeilage vom 7. und 8. März fand ich zum Beispiel den Artikel „Lauter kleine Ichs“ von Miriam Stein sehr interessant, da er mir genau aus der Seele spricht (leider nur gegen Bezahlung einsehbar). Stein kritisiert, dass Kindermode der Erwachsenenmode immer ähnlicher sieht – eine fatale Entwicklung, wie ich finde.

Es besteht kein Zweifel daran, dass Kinder für viele Wirtschaftssektoren eine attraktive Zielgruppe darstellen und aus diesem Grund auch aktiv umworben werden – man denke etwa an Lebensmittel oder Spielsachen aller Art. Doch nach einer sehr langen Periode der Repression, in der man Kinder als kleine Erwachsene verstand und sie sich auch dementsprechend kleiden und benehmen mussten, erlangten sie erst vor vergleichsweise kurzer Zeit das Recht, sich ihrem Alter entsprechend aufzuführen und ihren Entdeckerdrang auszuleben. Dazu gehört das Spielen im Freien bei Wind und Wetter ebenso wie das Sezieren von diversen Tieren – vor allem Vorort- und Landkinder wie mir sind die Vorzüge dieser Tätigkeiten bekannt. Die Kleidung muss daher in erster Linie eines sein: Funktional! Warm im Winter, kühl im Sommer und natürlich leicht zu reinigen. Gerne auch in bunten Farben und mit niedlichen Tierprints vorne drauf.

Trendsetterin bzw. Anziehpuppe Suri Cruise

Trendsetterin bzw. Anziehpuppe Suri Cruise

Doch mittlerweile hat es allen Anschein, als ob wir uns wieder hin zu den historischen Vorstellungen von Kindheit bewegen würden: Kinder tragen die gleichen Klamotten wie ihre Eltern. Diesen Trend gibt es im Grunde schon lange – man denke an die gruseligen Schönheitswettbewerbe, bei denen kleine Mädchen, die kaum sprechen können, hergerichtet werden, als wären sie Prostituierte. Doch während ich lange Zeit dachte, dass sich dieses Verhalten auf geistesgestörte Mütter mit Geltungsdrang beschränkt, muss ich leider feststellen, dass dem nicht so ist.

Angefangen bei den vergleichsweise harmlosen Chucks ( Schlecht für die Füße! Kein ergonomisches Fußbett! Aber zumindest noch besser als Stöckelschuhe – gell, Tom Cruise und Katie Holmes?!) für Babies über den preppy Kaschmirsweater von Ralph Lauren für den Sohnemann bis hin zur Abendrobe für die kleine Prinzessin von Baby Dior: Fast jede Marke, die etwas auf sich hält, bietet mittlerweile eigene Kollektionen für Babies und Kinder an.

Herzige Tierprints oder Drucke von Blumen mit lachenden Gesichtern sucht man bei diesen Labels aber vergebens. Die Devise lautet schließlich: Je erwachsener die Teile aussehen, desto besser. Viele Modehäuser bieten daher sogar den Partnerlook für Eltern und Kinder an. Und so elegant diese Teile an Erwachsenen auch aussehen mögen, eines sind sie sicher nicht: kindgerecht! Und von der eingeschränkten Bewegungsfreiheit, die viele dieser Kleidungsstücke liefern, mal ganz abgesehen:
Eine weiße Tweedjacke eignet sich nur bedingt zum Spielen im Dreck und auch über einen Grasfleck auf dem Seidenkleid oder dem Kaschmirshirt wird sich die Mama nur bedingt freuen.

baby dior anziehpuppe

Little Women: Werbung von Baby Dior

Während Kinderkleidung früher aus Kostengründen gerne selbst genäht oder zumindest preiswert erworben wurde, stellt die Kindermode heute einen bedeutenden Wirtschaftssektor dar. Die meisten Frauenzeitschriften erfreuen ihre Leserinnen mit regelmäßigen Supplements über Kindermode und auch eigenständige Magazine zum Thema sind keine Seltenheit mehr. Doch die beste Werbung für diesen Sektor sind die Sprösslinge Hollywoods. Beste Beispiele: Gwen Stefanie mit Kingston und Zuma, Jennifer Lopez mit Emme und Maximilian, Kate Hudson mit Ryder, Nicole Richie mit Harlow und Sparrow und natürlich die Kinder aus den Häusern Beckham und Brangelina.

Natürlich macht auch dieser Trend vor den Billigsdorfern dieser Welt nicht Halt und so muss nicht nur Suri Cruise rumlaufen wie eine vierzigjährige Frau, sondern auch die Nachbarskinder Huber, Müller, Mayer und Hofer. Eine befreundete Kindergärtnerin erzählte mit vor Kurzem, dass sie beinahe schockiert war, als ein Kind neulich einen süßen Sweater mit einem richtig niedlichen Print trug: Sie war es einfach nicht mehr gewohnt, ein Kind in solchen Sachen zu sehen.

Meiner Meinung nach ist dieser Trend definitiv ein Schritt in die falsche Richtung. Kinder werden ohnehin früh genug mit den Mechanismen von Markt und Werbung konfrontiert und sollten daher nicht schon im Kleinkindalter als Modepüppchen herhalten müssen. Eine gewisse Schonfrist muss sein! Damit ein Kind so richtig Kind sein kann, muss die Kleidung praktisch, robust und pflegeleicht sein. Der Ernst des Lebens beginnt schließlich früh genug. Ich persönlich finde diesen Trend abscheulich und nehme mir fest vor, mit meinen potentiellen Kindern nicht Anziehpuppe zu spielen.

Was sagt ihr dazu?

3 Comments

  • 1
    9. Mai 2011 - 21:16 | Permalink

    Ich gebe dir völlig recht!! EIn toller Artikel mal wieder, super geschrieben und recherchiert!!

    LG
    Esra

    • 2
      Julia
      9. Mai 2011 - 21:18 | Permalink

      Danke Esra, das ist super lieb von dir :)

  • 3
    Sarah
    4. Januar 2012 - 19:48 | Permalink

    Hi, ich versteh das total, ich finde auch sehr merkwürdig wenn kleine mädchen miniröck, die nicht kindgerecht sind, sondern ehr die der großen gleichen mit strumpfhosen tragen. und wie in dem foto gut sichtbar hochhackige schuhe, da diese nicht nur nicht kindliche aussehen, sondern auch beträchtliche störungen auf das sklett im wachstum hinterlassen werden.
    wiederum wird man ja mit der zeit echt abgestumpft und sieht es mit der zeit als völlig tragbar an und normal. interessant finde ich den gedanken trotzdem, dass “unsere” generation so darüber aufregt, weil kostümgeschichtlich ist es ja nicht so lange her, das es eigene kinderkleidung gibt. das fing ja erst in der biedermeierzeit an, soweit ich informiert bin, vorher waren auch da die kleidung der kleinen nur eine miniaturausgabe der großen.
    aber man sollte immer das wohl des kindes im auge behalten und das ihr wachstum nicht abgeschlossen ist, daher keine absatzschuhe oder mieder für kinder!
    und was den marken-wahnsinn angeht, ich versteh es nicht! kind sollte toben könne und bezweifel nicht, dass es das in dior nicht kann, aber dürfen?!

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